St. Johanniskirche

 

Im Jahre 1869 hat die Erlacher Kirche ihr heutiges Erscheinungsbild erhalten. Die damalige Ausstattung erfolgte im neugotischen Stil. Altar, Kanzel und Orgel und auch das Rundfenster im Altarraum stammen aus dieser Zeit.


Neugotik war eine Epoche in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Formensprache der Neugotik orientierte sich an einem idealisierten Mittelalterbild. Um an die Freiheit und Geisteskultur der mittelalterlichen Städte anzuknüpfen, errichtete man vor allem Kirchen, Parlamente, Rathäuser und Universitäten, aber auch andere öffentliche Bauten wie Postämter, Schulen oder Bahnhöfe im neugotischen Stil.
Die Neugotik war auch das Sinnbild einer Architektur der Bürgerfreiheit, Zeichen von Durchsetzungsvermögen gegenüber dem Staat auf der einen Seite und der verfassten Kirche auf der anderen Seite.

 
Und wenn die Erlacher Kirche so bunt bemalt wurde, dann war es wohl auch ein deutliches Zeichen von Selbstbewusstsein der damaligen Evangelischen: Schaut her, so wunderbar ist unsere Kirche. Und weiter: Seht doch, so prächtig ist auch unser Gott.

Wie heißt es im 104 Psalm: „HERR, mein Gott, du bist sehr herrlich; du bist schön und prächtig geschmückt. Licht ist dein Kleid, das du anhast. Du breitest den Himmel aus wie einen Teppich" (Psalm 104,2).

 


 

 

 

Nach dem zweiten Weltkrieg allerdings konnten viele mit dem Historismus des 19. Jahrhunderts und auch mit der Neugotik, die sich an einem Idealbild der Vergangenheit orientiert hat, nichts mehr anfangen. Dieser Baustil war auf einmal verpönt.
Nach der schrecklichen Zeit war der Blick nach vorne gerichtet. Die Spuren dieses schrecklichen Krieges, die man an vielen Häusern und auch an Kirchen ablesen konnte, sollten so schnell wir möglich beseitigt werden. Jeglicher Blick zurück war beinahe ein Tabu. Und vieles Schlimme, das man selbst erlebt hat, wurde verdrängt, beiseite geschoben, überstrichen, wie die Wände im Chorraum der Erlacher Kirche im Jahre 1957. Sie wurden abgewaschen oder einfach überpinselt. Man dachte: Was man nicht mehr sehen kann, ist auch nicht mehr da. Dass der neue Anstrich im Innenraum die ganze Kirche grau in grau erscheinen ließ, sah man erst, als es schon zu spät war.

 

Gut, dass man 1987 diesen farbenprächtig Chorraum wieder mit neugotischer Ausmalung versehen hat. Am 10. Mai 1987 war die Einweihung. Stilisierte Blumen zieren die Wände. Die Decke ist von einem goldenen Gitterwerk überzogen. Entlang der Gewölberippen ist ein Fries aufgetragen. Heute gibt es niemanden, der diese Kirche nicht als ein besonderes Kleinod empfindet.
Bunt und farbenfroh darf diese Kirche erstrahlen. Und wenn das Johannesevangelium Jesus sprechen lässt: „Ich bin das Licht der Welt", dann soll dieser Chorraum ein Zeichen für dieses Licht sein. Und alle, die diese Kirche betreten dürfen etwas von den bunten Farben und diesem hellen Glanz mit nach Hause nehmen.
(Thomas Volk, Pfarrer)